Gemeinsam ans Ziel: Bürgerinnen und Bürger im Gespräch mit regionalen Spediteuren und dem VVWL

Olaf Schüttler, den Dr. Christoph Kösters und Sebastian Wagemeyer abholten, wohnt an der Umleitungsstrecke, „der einzigen Straße, die noch übrig geblieben ist“. Seit der Bedarfsumleitung fahren 23.000 Kfz am Tag statt über die Autobahn an seinem Haus vorbei, davon 6.000 Lkw. „Gefühlt sind es mehr und wenn meine Frau hier wäre würde sie das alles auch viel emotionaler formulieren. Ich versuche es in ruhiger, auch, weil ich durch meinen Beruf gewohnt bin, Vorträge zu halten.“ Und dann legt er los: „Was uns stört? Das sind die Verkehrsgeräusche, aber auch die Geräusche drumherum: Das der Reifen, die Radios, Gespräche, die wir mithören können. Die Gläser klirren im Schrank, wenn besonders große Lkw vorbeifahren, wir haben schon Tücher zwischen sie gesteckt. Nachts rauschen gerne Lieferdienste durch. Wir haben extra das Schlafzimmer verlegt. Als meine Tochter sagt: ,Papa, ich kann nicht mehr schlafen‘, haben wir überlegt, was können wir tun? Wir haben ihr, die gerade eine Ausbildung begonnen hat, eine Wohnung gesucht. Wir haben unser Haus umgebaut, 30.000 Euro waren weg.“ Es geht weiter: „Im Sommer haben wir festgestellt, dass unser Sozialleben tot ist, es kommt niemand mehr, der uns besucht, man kann sich nicht auf der Terrasse unterhalten.“ Egal, wohin er zum Termin in der Stadt will, ob über die Hildfelder oder die Altenaer Straße, er braucht immer mindestens eine halbe Stunde länger. „Zur Arbeit, die nur 2 Kilometer entfernt liegt, fahre ich mit dem Auto, weil es mit dem Rad und zu Fuß einfach zu gefährlich ist. Morgens geht das noch ganz gut, abends brauche ich im besten Fall 45 Minuten.“ Die Kreuzung vor dem Haus, sie zu einer öffentliche Toilette geworden. Wer eine Stunde im Stau steht, kann irgendwann nicht mehr warten. „Das Schlimmste aber ist: Jetzt haben wir auch noch Ratten gesichtet. Es scheint ein oberirdisches Problem zu sein, ich kann es mir nur durch den vermehrten Müll wie halbe Burger etc., die rumliegen, erklären.“ Dazu die Unfallgefahr. „Was ist, wenn ein Lkw, der Gefahrstoffe geladen hat, umkippt?“ Handwerker und Pflegedienste erhöhen die Rechnungen oder kommen gar nicht mehr wegen des Staus. „Unsere Lebensqualität hat wahnsinnig gelitten, dass ich mich hier engagiere, ist keine Spaßveranstaltung. All dies kostet Nerven und Zeit, aber jeder Lkw, der weniger durch Lüdenscheid fährt, hilft uns!“

Allen drei Anwohnern war bewusst, dass LKW notwendig sind, um eine Stadt am Leben zu halten – versorgungstechnisch wie auch wirtschaftlich. Es geht ihnen ausdrücklich um die Reduzierung des Schwerlastverkehrs, der sonst nicht abgebogen wäre. Claudia Nockemann nimmt zum Beispiel schon in Kauf, dass ihr Weg zurück von der Arbeit gern doppelt und dreimal so lang dauert wie zuvor. Womit sie sich aber nicht abfinden kann und will, ist dass sie nicht mehr einfach zu ihrer an Demenz erkrankten Schwiegermutter fahren kann, wenn sie muss. „Sie wohnt hinter der Umleitungsstrecke, ich pflege sie und gebe ihr täglich ihre Medikamente. Auch ist es schon vorgekommen, dass sie uns weinend anrief, weil sie keinen Schlüssel hatte. Dan brauche ich aber eine halbe Stunde und mehr, um dort zu sein. Ich höre ihre Verzweiflung über die Freisprechanlage im Auto, kann aber nicht schneller zu ihr. Dr. Kösters, wir brauchen einfach Hilfe und wenn es nur ein bisschen weniger ist! Jeder LKW, der es schaffen könnte, hier weg zu bleiben, hilft uns ein Stück weiter. Wir brauchen die Lkw ja auch. Vielleicht kommen wir ja gemeinsam ans Ziel!“ Sie weint, als sie noch die Geschichte von der jungen Mutter erzählt, die im Schichtdienst arbeitet und nicht mehr schlafen kann, die Schlafzimmer, auch der Kinder, will sie nun in den Keller verlegen.

Hier knüpft Manuela Lex an, sie leitet die Familienbildungsstätte der AWo: „Jeder weiß, wie es nach zwei Jahren Pandemie bei den Kindern aussieht. Wir fördern Elternkompetenz, ich arbeite mit den bildungsfernen Familien. Das geht nur über persönlichen Kontakt. Aber: Der Elternkontakt bricht ab bei uns ab. Wir erreichen die Kinder nicht, alles bricht zusammen. Es sind 70 Prozent der Kontakte weggebrochen, weil es zu viele Barrieren bedeutet, zu uns in die Innenstadt zu kommen. Allein an der Bushaltestelle mit zwei Kindern im Stau zu stehen, dann im Bus zu warten, das ist ein Tagesausflug!“

Dr. Kösters, schon sichtlich beeindruckt von der Fahrt mit Olaf Schüttler, blickt in die Gesichter aller Unternehmer, bevor er spricht: „Sie sehen tiefe Betroffenheit bei uns, besonders auch der Unternehmer, die ja auch hier leben. Ihre Lebensumstände sind für mich erschütternd. Ich habe befürchtet, dass es so ist – was sie schildern, ist unerträglich und ganz schlimm. Wir wollen den Dialog, um zu reduzieren, was auch immer noch möglich ist, um die Situation zu verbessern. Auch eigene Mitarbeiter betroffen aus den Unternehmen leiden unter der Situation, so sitzen hier alle als Betroffene. So was kann kein Mensch über fünf Jahre durchhalten, noch nicht mal ein halbes Jahr. Wenn wir einen Beitrag leisten können, dies zu verbessern, dann tun wir dies.“ Er bedankte sich auch für die Ruhe, mit der die Betroffenen ihre Anliegen vortrugen. Allerdings habe der Verband auch schon viel Informationsarbeit geleistet, dennoch müsse mehr getan werden.

Gudrun Winner-Athens, Winner Spedition GmbH & Co. KG: „Wesentlichster Punkt ist, die Bauzeit muss verkürzt werden! Wir werden in jedem Fall alle Möglichkeiten nutzen, ihre Lebensqualitäten zu verbessern. Wobei wir alle in einem Zwang leben, wir als Unternehmen zum Beispiel in jenem, die Auftraggeber zu beliefern. Wir fahren schon woanders her, die Verkehrssituation an anderen Strecken, z.B. am Kasseler Kreuz, spitzt sich dadurch allerdings auch zu. Wir müssen gemeinsam lauter werden, weil wir in diesem Boot alle zusammensitzen!“

Klar wird: Die Kartensysteme und die Beschilderung sind wichtige Schlüsselstellen, um Verkehr aus der Stadt zu halten. Christoph Heuel, Josef Heugel GmbH HEUEL LOGISTICS: „Die Situation zerrt auch an den Nerven der Mitarbeiter, sie suchen auch den zeitlich kürzesten Weg. Der Fahrer möchte rollen, nicht stehen. Wichtig ist, dass Erklärungen auf Umleitungsschildern nicht nur in Deutsch, auch in anderen Sprachen dort stehen!“

Ausgerechnet auf den Schildern der Bürger, die sie ein paar Tage zuvor an der Umleitungsstrecke aufgestellt hatten, fanden die Logistiker eines, das in die richtige Richtung geht: „Dieses Plakat mit den Smileys ist super! Wir haben gedacht, endlich macht das mal einer, stellt die Schilder mit leichter Sprache auf. Die meisten Fahrer können kein Deutsch und womöglich auch kein Englisch!"

Ein Schulterschluss mit ersten Lösungsansätzen ist gemacht. Hier die Ergebnisse dieses Gesprächs:

Und hier sind die Ergebnisse des Gespräches:

Bürgerschaftliches Engagement lohnt sich. Diese Ergebnisse werden nun gemeinsam umgesetzt, um ans Ziel zu kommen.

portret van Und hier sind die Ergebnisse des Gespräches:

Ergebnis 1: Der Hauptgrund für die aktuellen Probleme und Zustände auf den Umfahrungsrouten rund um den gesperrten Autobahnabschnitt A45 ist die Sperrung der Talbrücke A45/Rahmede und die dort durch politische Versäumnisse auf Verschleiß gefahrene und jahrzehntelang vernachlässigte überregionale Infrastruktur. Stadt, Wirtschaftsregion, Bürger und die Logistikunternehmen des Märkischen Kreises und von ganz Südwestfalen, insbesondere des Stadtgroßraums Lüdenscheid und die dortigen Anlieger an den Umfahrungsrouten sind gemeinsam Betroffene und erleiden hierdurch große Nachteile. Eine schnelle Fertigstellung und weitere Beschleunigung der Planungs- und Bauzeit für die Ersatzbrücke sowie eine effiziente Baustellenkoordination aller Bundes-, Landes-, Kreis- und Kommunalstraßen in der Region haben angesichts der gemeinsamen Betroffenheit und massiven Belastungen unverändert höchste Priorität. Ziel- und Quellverkehre in bzw. aus der Region sind zur Aufrechterhaltung der Wirtschaftsregion und der Arbeitsplätze in der Region unverändert erforderlich.

Ergebnis 2: Der VVWL wird erneut über seine eigenen Kanäle und die Kanäle weiterer Logistikverbände darüber informieren, wie dramatisch die Lage in Lüdenscheid und im Märkischen Kreis war und immer noch ist. Dazu nutzt der VVWL seine nationalen und internationalen Verbände-Netzwerke. Diese breit angelegte Information soll bis zur Inbetriebnahme der neuen A45-Talbrücke Rahmede zu einer nachhaltigen Praxis der Unternehmen führen, in Zukunft Lüdenscheid und den Märkischen Kreis mit Transit- Schwerlastverkehr (Transit von / nach Destinationen außerhalb Südwestfalen) zu meiden.

Ergebnis 3: Der VVWL und die Unternehmerinnen und Unternehmer rufen zusätzliche Logistikunternehmen aus der Region Südwestfalen dazu auf, auf LKWs ihrer Flotten, Folien- Plakate anzubringen, mit der Botschaft “Lüdenscheid und die Region umfahren!” Dadurch stellen wir sicher, dass die Information zu unserer Situation in Lüdenscheid auch Sub- und Einzelunternehmen erreicht, die z.B. im Auftrag größerer Logistikunternehmen außerhalb der Region Südwestfalen ansässig und unterwegs sind. Gleichzeitig dienen diese Plakate als Zertifikat für die Unternehmen, die die Selbstverpflichtung in die Tat umsetzen und als Ausweis ihres Engagements für unsere Region.

Ergebnis 4: Die Folien-Plakate auf den LKWs erweitern die Informationskampagne, die wir in der Stadt bereits gestartet haben. Das Ziel unserer Informationskampagne: Wir informieren aktiv über die vorhandenen Umleitungsstrecken. Nur wer weiß, dass es Umleitungsstrecken über Köln oder Kassel gibt, kann sich für eine Umleitungsstrecke entscheiden. Unsere Informationskampagne wird zusätzlich durch die Autobahn GmbH unterstützt. In Zukunft wird entlang der Autobahnen in Deutschland, an Park und Rastplätzen – MEHRSPRACHIG (!) – dafür geworben werden, den Märkischen Kreis weiträumig zu umfahren und die vorhandenen Umleitungsstrecken über Köln und Kassel auch wirklich zu nutzen.

Ergebnis 5: Den modernen Navigationssystemen kommt eine wichtige Rolle zu, wenn es um die Führung des Verkehrs geht. Wir haben vereinbart, hier zusammen zu handeln und

uns vereint – Bürgerinnen und Bürger, Unternehmerinnen und Unternehmer, Verbände und Politik. Mit vereinten Kräften wollen wir darauf drängen, dass die entsprechenden Navigationssysteme die großräumigen Umfahrungen (über Köln und Kassel) priorisieren, die realen Durchfahrtzeiten der Umfahrung durch Lüdenscheid abbilden und Lüdenscheid somit als Transitstrecke so schnell wie möglich aus der Berechnung von Routen entfernen.

Ergebnis 6: Wir wollen uns in Zukunft besser koordinieren und absprechen. Wir wollen Lösungen und weniger regionsfremden Verkehr. Damit richten wir unseren Blick in die Zukunft. Auf Handeln! Handeln Hand in Hand, auf gemeinsames Handeln jenseits von Schuldzuweisungen, gegenseitigen Unterstellungen oder Vorwürfen. Uns geht es darum, offen zu sein, gemeinsam Dinge auszuprobieren und einfach nichts unversucht zu lassen, was helfen könnte, die Situation von Ort für alle zu verbessern.

Alle, auch in den Parteien und Medien, laden wir herzlich ein, sich zu fragen: Was kann ich in meinen Möglichkeiten und Pflichten tun? Was kann ich tun, um mit den Menschen im Märkischen Kreis und in Lüdenscheid dafür zu sorgen, dass der Transit-Schwerlastverkehr unsere Region auch wirklich umfährt und meidet? Was kann ich in meiner Partei dafür tun? Welche Möglichkeiten und Experten-Kenntnisse habe ich als Journalist, LKW-Fahrerinnen und -Fahrer im Transit-Schwerlastverkehr zu erreichen mit der Information, dass es für alle besser ist, wenn sie Lüdenscheid und den Märkischen Kreis meiden? Was kann ich dafür tun, dass regionale Wirtschaft und Logistik eine Perspektive behalten?

Und bitte überlegen Sie, was Sie tun können. Was können Sie tun um zu informieren? Wen können Sie persönlich ansprechen? An welcher Stelle können Sie mithelfen oder sich einbringen?

So geht es konkret weiter:

Hier können Sie mehr über den Stand der Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen erfahren.

Das Team Brückenbauer

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